Kreuzkirche-KW und Sprengel KW

 

Gedanken zur Jahreslosung

Selten hat mich ein Wort, das uns in diesem Jahr als Jahreslosung begleiten soll, so ratlos gemacht. Denn beim ersten Lesen bleibt das Wort „nachjagen“ haften. Wem oder was jage ich im Leben nicht alles nach: dem Bus, der dann vor meiner Nase losfährt, den guten Vorsätzen, die sich nicht halten ließen und zu guter Letzt nun also dem Frieden. Unerreichbar scheint er zu sein! Das erleben wir ja oft im engsten Familienkreis. Da nimmt man sich vor, öfter mal anzurufen oder zu schreiben, um sich nicht aus den Augen zu verlieren um des lieben Friedens willen. Und schnell ist dann wieder ein Monat vergangen ohne eine Nachricht mit den bekannten Konsequenzen.Wir erleben in Deutschland seit mehr als 70 Jahren in Frieden. Generationen sind herangewachsen, die Krieg nur aus Erzählungen kennen. Undenkbar erscheint es, dass bei uns wieder ein Krieg toben könnte. Wir brauchen dem Frieden nicht nachzujagen. Wir haben ihn!

Doch das ist ein großer Irrtum. Wenn auch nicht mit Waffen, so doch mit Worten wird in den sozialen Medien des Internets oder auf der Straße schon längst wieder gekämpft. Da reicht der kleinste Anlass und viele Menschen lassen sich auf die Straße rufen. Und nicht selten sind dann Steine griffbereit und entfesselte Wut verzerrt die Gesichter. Die gute demokratische Kinderstube ist dann wie weggeblasen und es herrscht ein Umgangston der Verunglimpfung und der Gewalt. Selbst im Bundestag ist diese Entwicklung angekommen. Doch uns ist die Aufgabe gestellt, dem Frieden nachzujagen. Wir sollen uns nicht von den täglichen Erfahrungen entmutigen lassen, scheinbar immer einen Schritt langsamer als der Frieden zu sein. Im hebräischen Denken unserer Vorfahren im Glauben bedeutet „Frieden“ mehr als nur die Abwesenheit von Streit und Krieg, auch keine Friedhofsruhe. „Schalom“ meint eine tiefe Sehnsucht nach einer heilen, unversehrten Welt, in der keine Gefahr mehr droht. „Schalom“ ist die unverbrüchliche Hoffnung auf ein gerechtes Miteinander der ganzen Schöpfung: „Doch ist ja seine Hilfe nahedenen, die ihn fürchten, dass in unserm Land Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue“. (Psalm 85,10-12)

Diese Friedensbotschaft möge unser Denken und Handeln leiten, wenn wir dem Frieden, wo immer wir ihn bedroht sehen, nachjagen. Wie sagte schon der Prophet Micha, der Gottes Friedensbotschaft in die Welt hinausposaunte: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“. (Micha 4, 3ff)

Doch bei allem Bemühen sollte uns auch bewusst sein: Letztlich kann nur einer die zerstörte und zerstrittene, von ihm abgefallene Schöpfung am Ende der Zeiten wieder zurechtbringen und heilen: der von Gott eingesetzte Friedenskönig, der von Israel sehnsüchtig erwartete Messias und unser Herr: Jesus Christus. Mit ihm an unserer Seite: was soll uns passieren?

 Herzliche Grüße von Haus zu Haus

Ihr Pfarrer Ingo Arndt