Kreuzkirche-KW und Sprengel KW

 

Gedanken zur Jahreslosung 2020

2020, im Jahr unserer Jahreslosung, werden in Deutschland gerade noch 50 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören. Und Studien sagen voraus, dass es in 40 Jahren nur noch 25% sein werden. Der Glaube wird immer mehr an Leuchtkraft für Menschen verlieren.
Möglicherweise wirken die Worte „Ich glaube, hilf meinem Unglauben,“ wie der Stoßseufzer. Glauben nicht alle irgendentwas? Auch wenn der Himmel für den modernen Menschen eher leer ist und die Kirchen wie aus einer anderen Zeit herübergrüßen, ist Spiritualität ja kein Schimpfwort: Meditations-Apps, Pilgerreisen, Yoga-Retreats, Kloster auf Zeit erfreuen sich großer Beliebtheit. Der Himmel ist zwar leer, unsere Gottesdienste auch, aber wir Menschen wollen etwas glauben oder wenigstens still werden und tiefer atmen. „Hilf meinem Unglauben.“
Andererseits fällt mir die sehnsüchtige Bemerkung einer Deutschlandfunkhörerin aus Dresden ein. Eine Enddreißigerin, Mutter zweier Kinder. Es ging um eine Radioandacht, die sie berührt hatte. Sie schrieb: „Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht an Gott. Aber ich bin froh, dass es Menschen gibt, die das tun und die darüber sprechen. Ich würde so gerne glauben.
Nur: Wie soll das gehen – mit fast 40 Jahren?“ – Sehnsucht und Ratlosigkeit halten sich die Waage. Ein Atheismus, der mit einer ungestillten Sehnsucht lebt: „Ich möchte glauben. Hilf meinen Unglauben.“
In der Geschichte aus dem Markusevangelium hat der Satz einen ganz anderen Klang. Mit wenigen Worten zeichnet Markus eine dramatische Szene: Wir befinden uns mitten in einem Getümmel - Schriftgelehrte, die Vertrauten Jesu, eine Menschenmenge. Die Emotionen kochen hoch. Im Zentrum ein Vater mit seinem schwer behinderten Jungen. Der soll besessen sein.
Was für eine Szene: Der verzweifelte Vater, sein behindertes Kind, die spottenden Menschen, dazwischen die Jünger, die auch nicht helfen können. Und dann: Auftritt Jesu. Der Heiland ist unfreundlich, wirkt genervt - verlangt schroff nach dem Kind, lässt sich die Krankengeschichte erzählen. Der Vater fleht ihn an: Wenn du etwas kannst, dann erbarme dich... - Jesus knurrt: „Alles ist möglich, dem der da glaubt.“ Der Vater explodiert. Er ist außer sich, er schreit:
„Ich glaube. Hilf meinen Unglauben“. So berichtet Markus.
Ob er überhaupt weiß, was er gerade gesagt hat, dieser Mann? Was sich in der Jahreslosung wie ein stilles Gebet liest, ist ein Schrei. Dieser gläubige Mann hat keine Alternative mehr. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ „Wenn du kannst, dann erbarme dich.“
Das ganze bisherige Leben dieses Vaters: Das ist die Liebe zu seinem kranken, besessenen Kind. Er weigert sich, die Hoffnung zu verlieren. Er hat Mut, sich über gesellschaftliche Regeln hinwegzusetzen und keine Peinlichkeit zu scheuen. Er bleibt hartnäckig, lässt sich nicht abwimmeln. Die Enttäuschung soll nicht das letzte Wort haben.
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ –Verzweifeltes Vertrauen. Daher kommt die Kraft. Die Jahreslosung 2020 ist ein Schrei. Und Jesus heilt.
Was brauchen wir im Jahr 2020? Wir brauchen mehr von der Leidenschaft dieses verzweifelten Vaters. Von dem Wissen, dass das Erlittene zu einer Kraft werden kann, die heil macht. Ich schaue aus nach Menschen, die sich Liebe, Hoffnung, Mut und Hartnäckigkeit nicht austreiben lassen. Ich schaue nach denen, die nicht einknicken vor den bösen Geistern, die was und wen wir lieben, kaputt machen.
Die das Vertrauen nicht verlieren, auch wenn alles dagegen spricht? Die ihren Unglauben so ernst nehmen, wie ihren Glauben?
Wo diese Leidenschaft ausbricht, wo das Vertrauen lebendig ist, können Gottes Wunder geschehen, kann Jesus heilen. Davon gehe ich aus.
Und wenn es uns Christen dann noch gelingt, diese Erfahrung mit unserem Glauben zum Glänzen zu bringen, werden andere beflügelt, auch dieses paradoxe Vertrauen mitten in unserer Gesellschaft zu wagen.

Ihr Pfarrer Ingo Arndt


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